Dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller unter falschem Namen schreiben, ist nichts Ungewöhnliches: Ob als literarisches Experiment, Schutz gegen Repressionen oder zur Emanzipation. Im besonderen Maße gilt dies für die englische Schriftstellerin George Eliot, die ursprünglich Mary Anne Evans hieß. Sie wählte bewusst einen männlichen Namen, um nicht als ›Frauenschriftstellerin‹ abgestempelt zu werden. 150 Jahre nach dem Erscheinen ihres Meisterromans »Daniel Deronda« blickt Hugo Bergham im aktuellen Beitrag für das Dittrich Magazin auf diese literarische Maskerade – und erklärt, was sich hinter dem Pseudonym der Autorin wirklich verbarg.

George Eliot oder der Griff zum Pseudonym
von Hugo Bergham
1876, also vor genau 150 Jahren, erschien »Deronda«, der letzte Roman von George Eliot. Heute wieder außerordentlich aktuell, thematisiert Eliot darin schon damals die Diskriminierung der Juden und ihre Integration in die englische Gesellschaft.
Wie in Eliots Opus Magnum »Middlemarch« zeichnet auch »Deronda« zunächst das typische Bild der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird die klassische Geschichte von Geld, Ehe und weiblicher Abhängigkeit von beidem. Der Roman folgt dem Weg von Gwendolen Harleth, einer der großen viktorianischen Heroinen, einer nicht ganz makellosen, aber reizvollen Heldin, die den fatalen Fehler begeht, mit einem verhärmten, aber wohlhabenden älteren Herrn eine lieblose Ehe einzugehen.
So weit, so üblich. Doch der parallel zu Gwendolens Schicksal erzählte zweite Handlungsstrang befasst sich mit dem Werdegang des Juden Daniel Deronda, der nach seiner Geburt von seiner desillusionierten Mutter in die Hände eines Landadligen gegeben wird und erst durch seine Beziehung zu der jüdischen Sängerin Mirah Lapidoth und deren Bruder Mordecai dazu veranlasst wird, sich mit seinen jüdischen Wurzeln auseinanderzusetzen.
Es ist Mordecai, der in Deronda den Wunsch weckt, gemeinsam mit dem jüdischen Volk nach Zion zurückzukehren. Das Buch, weithin gelesen und beachtet, beeinflusste einige Protagonisten des Zionismus. Chaim Weizmann, der erste Präsident Israels, legte Wert darauf, stets ›ein Exemplar in Reichweite‹ zu haben.
Zu dieser Zeit, mitten in der viktorianischen Periode, regierte mit Benjamin Disraeli der erste jüdischstämmige Premierminister das Land. Disraelis Beispiel, der sich mehrfach im Amt des Premierministers mit seinem großen Gegenspieler William Gladstone abwechselte, zeigt, dass Juden, die erst ab 1858 ins britische Parlament gewählt werden durften, inzwischen einen gesellschaftlichen Aufstieg bis in höchste Ämter erreichen konnten.
Zugleich war Disraeli als einer der erfolgreichsten Autoren des viktorianischen Literaturbetriebs etabliert. Er rühmte sich, mit Romanen wie »Coningsby« oder »Sybil«, vor allem aber mit »Lothair«, höhere Auflagen als Charles Dickens erzielt zu haben.
Eliot greift die Situation der Juden auf, und es war ihr ein Anliegen, auf den Zwiespalt zwischen dem trotz allem immer noch existierenden Antisemitismus und der zunehmenden Akzeptanz von Juden in der britischen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Um ihr Ziel zu erreichen, las sie den Talmud und lernte Hebräisch, um dann mit »Daniel Deronda« eine jüdische Figur jenseits der Stereotype wie Fagin oder Shylock zu erschaffen.
Aber George Eliot ist auch deswegen bis heute in der kollektiven Erinnerung der Literaturgeschichte erhalten geblieben, weil sie eine der ersten Schriftstellerinnen war, die sich ein männliches Pseudonym zulegte, um ihre Werke zu veröffentlichen. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, welche Gründe dafür ausschlaggebend waren. Natürlich kann sie sich den männlichen Decknamen zugelegt haben, weil sie befürchten musste, als Frau nicht ernst genommen zu werden. Angesichts des Umstandes, dass Jane Austen einige Zeit vor Eliot große Erfolge feierte, ohne dass ihr Geschlecht dabei im Wege gestanden hätte, erscheint diese Erklärung allerdings eher fragwürdig.
War es also Zufall, dass die als Mary Anne Evans geborene Eliot irgendwann einen männlichen Namen annahm? Oder steckte etwas anderes dahinter? Der amerikanische Literat und Verleger Edwin Frank hat in seinem grandiosen Buch »Stranger than Fiction« (dt.: Beck Verlag, 2026) die Vermutung geäußert, Eliot habe es, wie viele andere emanzipatorische Autorinnen, als Affront empfunden, wenn man sie als ›Frauenschriftstellerin‹ bezeichnet hätte. Gerade weil sie nicht als Frauen gelesen werden wollten, sollten ihre Werke als Literatur wahrgenommen und nicht als Produkte einer Frau bestaunt werden.
Das hat Schule gemacht. Ähnlich hat auch J. K. Rowling argumentiert, die ihre Kriminalromane unter dem Pseudonym Robert Galbraith publiziert. Nicht als berühmte Harry-Potter-Erfinderin wollte sie wahrgenommen werden, sondern ihre Krimis sollten, von einem anonymen Autor geschrieben, unabhängig von der Bestsellerautorin beurteilt werden.
So hat es auch die Theater- und Krimiautorin Elizabeth Mackintosh gesehen, die mit ihren unterschiedlichen Pseudonymen zwischen seriöser Theaterarbeit und frivoler Krimischreiberei unterscheiden wollte. Als Gordon Daviot schrieb sie äußerst erfolgreiche Dramen, so etwa, dass mit John Gielgud in der Hauptrolle inszenierte »Richard of Bordeaux«, das 1932/33 über ein Jahr lang im West End lief. Unter dem Pseudonym Josephine Tey war sie, neben Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers, eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen des Goldenen Zeitalters des britischen Kriminalromans.
Alles gute Gründe also, heute, 150 Jahre nach Erscheinen von Eliots letztem Roman, an diese große Frau zu erinnern. Und ihre Romane (noch einmal) zu lesen. Oder zumindest die Deronda-Verfilmung der BBC aus dem Jahr 2002 anzuschauen.
Hugo Bergham ist Publizist und Geisteswissenschaftler. Er pendelt zwischen dem Rheinland und Oberbayern, von wo aus er seiner Lehrtätigkeit als Honorarprofessor an der Paris Lodron Universität in Salzburg nachgeht.
Vom Autor im Dittrich Verlag erschienen: »Something Precious. Erinnerungsorte der englischen Literatur« (2022) und »ADENAUERIANER. Gestalter, Macher, Zauberer – wem wir die Republik verdanken« (mit Konrad Adenauer, Christoph Hardt und Henner Löffler; 2025).

Hugo Bergham
Something Precious
376 Seiten · broschiert · überarbeitete Neuauflage
ISBN 978-3-912155-52-5
20,00 €
