Englische Autorinnen (wieder)entdecken

Wer Hugo Berghams Buch Something precious – Erinnerungsorte der englischen Literatur gelesen hat und sich jetzt für weitere hierzulande noch weitgehend unbekannte Autoren englischer Sprache interessiert, dem kann geholfen werden. Für das Dittrich Magazin stellt er drei englische Autorinnen vor, deren Wiederentdeckung lohnt!

Englische Autorinnen (wieder)entdecken

Die drei Barbaras – Pym, Trapido und Comyns

Von Hugo Bergham

Seitdem Philipp Larkin in einem Fragebogen des Times Literary Supplement, in dem nach den meist unterschätzten Autoren des 20. Jahrhunderts gefragt wurde, gemeinsam mit David Cecil durch die Benennung von Barbara Pym das seinerzeit erloschene Interesse an dieser wunderbaren Autorin revitalisiert hat, lese ich diesen Fragebogen stets mit Interesse und, obwohl ich nicht mehr genau weiß, wer es war, vielleicht Ian Rankin oder einer seiner Krimischreiberkollegen, habe die dortige Rubrizierung der Autorin Barbara Trapido als »unterschätzt« zum Anlaß genommen, mich näher mit dieser mir unbekannten Autorin zu beschäftigen. Und bin reich entlohnt worden.

Aber zunächst zu Barbara Pym. Diese hatte schon eine ganze Reihe von großartigen Gesellschaftsromanen wie Some tame Gazelle oder Jane and Prudence geschrieben, die sich großer Beliebtheit beim Publikum ebenso erfreuten wie einer Wertschätzung durch die Kritik. Und obwohl sie durchaus, jedenfalls nach damaligen Maßstäben, als Bestseller-Autorin gelten konnte, fiel sie in den sechziger Jahren, als London zu schwingen begann, als gestrige Chronistin eines spießigen Landlebens mit seinen faden Pfarrhäusern und deren für langweilig gehaltenen Bewohnern bei ihrem Verlag Jonathan Cape von einem Tag auf den anderen in Ungnade. Man hatte nicht einmal den Anstand, Barbara zu einem persönlichen Gespräch einzuladen, um ihr die Gründe mitzuteilen, aus denen ihr neuer Roman An Unsuitable Attachment nicht in Druck gehen würde. Stattdessen schrieb man ihr einen nichtssagenden Brief und lehnte ohne weitere Begründung ab. Man kann sich lebhaft vorstellen, was eine derart schäbige Behandlung mit einer Autorin macht. Barbara viel in ein sehr tiefes Loch und erst die oben wiedergegebenen Bemerkungen von Philipp Larkin und David Cecil sorgte dafür, dass das nächste Buch Quartet in Autumn vom Verlag Macmillan angenommen und ein Riesenerfolg wurde. Ihr nächstes Buch A Few Green Leaves wurde ihr letztes, weil sie danach erkrankte und 2004 starb. Immerhin: An Unsuitable Attachment wurde posthum doch noch veröffentlicht, natürlich auch von Macmillan und nicht bei Jonathan Cape, obwohl man sich auch dort (reumütig?) darum bemüht hatte.

Es ist dieses Glück, das die erst gefeierte und dann verfemte und dann wieder aus der Versenkung hervorgeholte Autorin empfunden haben muss, das den Leser mit großer Freude und Genugtuung erfüllt. Zumal es sich bei Barbara Pym um eine Autorin handelt, die nicht nur das Lob von Larkin und Cecil, sondern auch unsere uneingeschränkte Begeisterung verdient. Barbara Pym ist eine scharfe Beobachterin, die die kleinen Dinge des Lebens sieht und synonym für die ›großen Fragen‹ abhandelt. Eine Pointilistin der Literatur. Sie gleicht darin Anthony Powell, dem Autor des 12bändigen Großromans A Dance to the Music of Time. Beide berufen sich auf die Aphorismen All Trivia von Logan Pearsall Smith und für Powell sind es die small things, die das Leben und damit auch die Literatur ausmachen. Ein scharfes Foto sei oft besser als eine Karikatur. Das gilt genauso für Barbara Pym.

Nun zu Barbara Trapido, die hoffentlich durch die Bemerkung in der Times, sie stammte übrigens von Mick Herron, jetzt fällt es mir wieder ein, in ähnlicher Weise zu neuem Leben erweckt werden könnte. Die Dinge gleichen sich. Vielleicht liegt’s am Vornamen. Trapido, ebenso wie ein Teil ihrer Romanhandlungen in Oxford angesiedelt, hat sieben Romane geschrieben, von denen drei für den Whitbread Prize nominiert wurden. Einer davon, der es auch auf die Longlist des Booker Prizes geschafft hat, ist der 2003 erschienene Roman Frankie & Stankie, in dem das Aufwachsen in der Apartheid geschildert wird; was durchaus autobiographische Züge enthält, denn Trapido wurde 1941 als Barbara Schuddeboom in Südafrika geboren. Die anderen Bücher sind Brother of the More Famous Jack (1982), Noah’s Ark (1984), Temples of Delight (1990), Juggling (1994), The Travelling Hornplayer (1998) und Sex & Stravinsky (2010). Die Kritik bescheinigt ihr ein Talent für comic plots, die einerseits in realistischen Umständen angesiedelt seien, andererseits in ihren unpassenden Zuneigungen und erotischen Mißverständnissen eine wunderbar shakespearesche Mißachtung für die Wirklichkeit enthielten.

Am Ende noch der Hinweis auf eine dritte Autorin, es muss wirklich am Vornamen liegen, denn es handelt sich um Barbara Comyns, die dem Autor dieser Besprechung nur aufgefallen ist, weil er an sich, dem Spurenhinweis Herrons folgend, ein Buch von Barbara Trapido herunterladen wollte, dabei aber in der Eile nicht darauf achtete, dass diese nur für das Vorwort für ein Buch von Comyns verantwortlich war. In diesem Vorwort vergleicht Trapido den Comyns-Roman Sisters by a River gleich am Anfang mit Nancy Mitfords Buch Love in a Cold Climate und das war’s dann, natürlich.

Aber nichts geschieht zufällig. So wie Anthony Powell und Barbara Pym sich auf die Trivia von Logan P. Smith berufen, wird in dem in Künstlerkreisen der 30er Jahre spielenden Comyns-Buch Our Spoons came from Woolworth eine Kneipe namens Bags of Nails erwähnt; ein real existierender Pub, in den auch Anthony Powell seine Protagonisten im Dance to the Music of Time einkehren lässt. Und beide Autoren erwähnen ein Café Madrid, das im wirklichen Leben das Café de Paris war. Dass Powell und Comyns beide vom echten Bags of Nails und von einem fiktiven Café Madrid erzählen, ist sicher kein Zufall, sondern dürfte eine Hommage der jüngeren Autorin an den Altmeister sein. Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir die Biografie Barbara Comyns: A Savage Innocence von Avril Horner gelesen haben, die noch in diesem Jahr erscheinen soll.

PS: Auch die Gedichte von Phillip Larkin wären wieder zu entdecken. Und die Spookromane von Mick Herron, angefangen mit den Slough Horses, sind extrem unterhaltsam, eine Art John Le Carré 2.0. Und dann bitte noch an meine Erinnerungsorte denken… .

Hinterlasse einen Kommentar