»Nicht jeder Tag kann strahlen, Sonne und Wolken wechseln sich ab. Sie ziehen vorüber und reisen weiter. Manchmal ist es leicht, sie vorüber ziehen zu sehen, manchmal nimmt man es nicht so gelassen. Dann wirft es einen um oder treibt einen um den halben Erdball, bis nach Mullumbimby. Dabei ist und bleibt alles ein Teil von Dir. Du musst hinter die Wellen tauchen.« Das Velbrück Magazin präsentiert weitere Gedichte aus Sabine Bergks Sammlung »Wilde Magneten«.
Kein Ende
Die Liebe endet nie,
nicht in Dir und nicht in mir.
Sie flieht nicht,
sie bleibt in Dir und in mir,
schweigt und spricht.
Sie verwandelt sich und strahlt
durch alle Jahre und Farben
und in Dir, ja, in mir,
strahlt sie mit.
Alles
Zu lieben, um zu lieben,
zu lassen, um zu lassen,
zu schlafen, um zu schlafen,
zu wachen, um zu wachen.
Zu schweigen, um zu schweigen,
zu fragen, um zu fragen,
zu zeigen, um zu zeigen,
zu sagen, um zu sagen.
Zu bleiben, um zu bleiben,
zu gehen, um zu gehen,‘
zu ahnen, um zu ahnen,
zu sehen, um zu sehen.
Zu werden, um zu werden,
zu geben, um zu geben,
zu sterben, um zu sterben,
zu lieben, um zu lieben.
Du bist Sonne,
Du bist der Sonnenatem in meinem Gesicht,
Du bist der Sonnenfleck auf meinem Bauch,
Du bist der Sonnenkreis auf meiner Brust,
Du bist der Sonnensturm in meinem Herzen,
Du bist Sonne.
Innen und Außen
Suchst Du im Außen
nach Liebe,
wird sie nicht zu Dir kommen.
Alle Türen bleiben verschlossen.
„Lieb mich!“, rufst Du.
„Nein!“, sagt das Außen.
Suchst Du im Innen
nach Liebe,
findest Du nichts als Leere.
Alle Türen möchtest Du öffnen.
„Komm zu mir!“, rufst Du.
„Noch nicht“, sagt das Innen.
Suchst Du nicht mehr
nach Liebe,
kann sie in Dir fließen.
Alle Türen stehen offen.
Du bist tiefe Liebe.
„Ja“, sagt das Innen
und das Außen antwortet.
Zusammenklang
Wir sind ein Atem, ein Klang.
Unsere Körper sind doppelte Orchester.
Sie spielen auf einer Linie
das Lied der Liebe.
In die Stille tauchen wir jede Melodie,
tief in den Frieden.
Die Flügel schwingen wir
über Honigwiesen.
Alles ist lichterfüllt,
die Luft gluckst;
Wir sind ein Atem, ein Klang,
unsere Herzen sind doppelte Orchester,
sie spielen auf einer Linie
das Lied der Liebe.
Davon
Auf einer Welle bist Du
zu mir geschwommen,
auf einer Welle bist Du
von mir gegangen.
Ich dachte, wir wären noch lang
ein einzelliger Ozean
und waren es nur für die Zeit
eines Wellenumbruchs.
Auf einer Welle hast Du
mich gerufen,
auf einer Welle bist Du
verstummt.
Ich stehe am Rand
unseres verklungenen
Ozeans und sehe nur
rastlose Wellen an.
Absturz
Gib die Hoffnung auf,
gib sie auf.
Lass sie tief fallen,
dass sie aufgefangen
und verwandelt werden kann
in Wahrheit und Lachen.
Gib die Hoffnung auf,
gib sie auf.
Öffne Deine Hand
in den ersten Zustand;
ein Kind empfängt
und hält nichts fest.
Chancenlos
Du hast keine Chance,
sagst Du,
gegen meinen Widerstand hast Du keine Chance –
und ich sage: Ja.
Ich bin hinter dem Widerstand
chancenlos für Dich da –
und sag leise: Ja.
Gleichgewicht
Jetzt ist jeder
bei sich im Guten.
Wir können uns sehen
und über unsere Wünsche
und Irrwege lachen.
Ich habe durch Schmerzen gelernt
und war zwischendrin
wund wie eine Membran,
darauf nur Schatten sichtbar waren.
Jetzt hat sich das Licht
seinen Weg ins Herz gebahnt
und ich fange mit mir selbst
vorsichtig
von vorne an.
In Mullumbimby
hab ich mich
dem Wunder anvertraut.
Es ist zu mir
um die Erde geflogen
und gab mir Kraft.
Ich war nicht in Mullumbimby.
Ich weiß nicht, was es war.
Mullumbimby war
mit einem Mal da.
Kein Bild
m Hafen sah ich Dich
auf einer Bank sitzen.
Ein Sonnenstrahl
fiel auf Dein Gesicht.
Ein Wolkenschatten
zog hinterher.
War es eine Erscheinung
oder warst Du alles auf einmal,
Sonne, Schatten, Bank, Wolke
und der Moment,
in dem ich Dich
überall gleichzeitig sah –
Verabredung
Beieinander sein
und nichts sagen.
Nicht schweigen,
ohne zu sprechen, sprechen.
Dem Flug der Wolken folgen.
Den Schmetterling ehren.
Die Luft umarmen.
Nichts erwarten.
Jahreszeiten
Ich bin der Frühling, sagst Du,
ich bin der Frühling und der Sommer.
Ja, das bist Du, sage ich.
Ich bin der Sommer, sagst Du,
ich bin der Sommer und der Herbst.
Ja, das bist Du, sage ich.
Ich bin der Herbst, sagst Du,
ich bin der Herbst und jeder Winter.
Ja, das bist Du, sage ich,
Du spiegelst mich:
Du bist der Frühling,
der Frühling und der Sommer,
Du bist der Sommer,
der Sommer und der Herbst,
Du bist der Herbst,
der Herbst und jeder Winter
und jeder Winter bist Du auch.
Ankunft
Die Suche endet hier.
Sie endet tief in Dir.
Sie löst sich auf in Teilchen,
die wild in Kreisen reisen.
Du bist ein Teil der Teilchen, mittendrin.
Du bist die Schwimmerin, darin.
Dreh Dich mit!
(c) 2022 Sabine Bergk
