Notizen zum Krieg in der Ukraine

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado, der jahrzehntelang die Gewalt der militärischen Kriege und die der massenhaften Ausbeutung von Menschen gesehen und dokumentiert hat, fragte sich am Ende dieser Arbeiten verzweifelt: »Könnte es sein, das tief im Inneren unsere natürliche Neigung nicht einander zu lieben war, sondern einander zu töten?« Ausgehend von Salgados Frage hat Dittrich-Autorin Ingrid Bachér für das Velbrück Magazin einige Gedanken notiert über das Leid der Menschen in der Ukraine.

Von Ingrid Bachér

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado, der jahrzehntelang die Gewalt der militärischen Kriege und die der massenhaften Ausbeutung von Menschen gesehen und dokumentiert hat, fragte sich am Ende dieser Arbeiten verzweifelt: »Könnte es sein, das tief im Inneren unsere natürliche Neigung nicht einander zu lieben war, sondern einander zu töten?« Wenn es so ist, wie Salgado es erfahren hat und zögernd vor der Schwere der Erkenntnis als Frage formulierte, dann wäre es vorgegeben, dass wir uns immer im Krieg miteinander befinden, verdeckt in der Gesellschaft und offen ausgetragen mit den Mitteln der Rüstungsindustrie.

Es gibt die Urgeschichte von Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, weil er sich von Gott nicht genügend beachtet fühlte und überzeugt war, Gott würde seinen Bruder mehr lieben als ihn. Wir sind die legitimen Nachfahren von Kain. Doch auch Abel lebt in uns weiter, redet vom Frieden und stirbt immer wieder.

1775 begann Matthias Claudius seine Klage über den Krieg: »’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein!«

Hörte der Engel nicht, hat er je gehört, wenn geklagt wurde oder begriffen wir nicht, dass er redete? Hörten wir nur unser eigenes Reden und das der Anderen, die den Krieg vorantreiben und ihn begleiten mit Geschwätz, um hörbar zu sein aber nicht verantwortlich? Doch alles wird übertönt von den Schreien der Verletzten, der Getöteten und Hinterbliebenen in diesem Krieg und in den Kriegen, die gleichzeitig jetzt in vielen anderen Regionen ausgetragen werden. Und immer bedürfen wir des Engels, den wir anflehen, er möge uns helfen, ein Ende des Grauens und des Schlachtens zu finden. Er möge uns helfen, unsere Natur zu zügeln, die offensichtlich verlangt nach Schmerz, Verwundung des Anderen, nach Tötung und Aneignung dessen, was er besitzt.

»’s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!«

So geht das Gedicht weiter, und ich sehe die Bilder des Krieges. Sehe die Zerstörung der Häuser, höre die Sirenen anschwellend aufheulen, den Fliegeralarm. Wie ausgestorben wirkt alles schon vor der Vernichtung. Es ist noch Winterzeit, die Kälte lässt alles grauweiß erstarren. Es sind Bilder aus verschiedenen Städten. Sie gleichen sich und sind doch immer einmalig und treffen uns jeweils anders, je nachdem mit welcher Aufmerksamkeit wir sie wahrnehmen. Viele brennen sich mir ein, als wären es Bilder, die ich lange schon kenne aus dem Krieg, den ich als Kind erlebte, und doch sind sie eigen nur in diesem Krieg in der Ukraine erlebt.

Ich sehe vier Menschen, in welchem Ort, vielleicht Donezk oder Charkiw? Wie heißt der Platz, wie die Straße, zu der sie eilen? Ich erfahre es nicht, ich habe zu spät den »Brennpunkt Ukraine« eingeschaltet. Ich sehe aber vier Menschen, die über einen weiten leeren Platz laufen und mein Blick läuft mit ihnen. Ihre Bewegung ist die einzige in dieser Erstarrung ihrer Welt. Gewehrschüsse sind zu hören. Vor meinen Augen – und für immer wiederholbar in diesen so schnellen Bildsequenzen, sehe ich die vier Menschen laufen. Es ist ein Paar, eine Frau und ein Mann, mit ihnen zwei Kinder. Das größere könnte ein Junge sein und das kleinere ein Mädchen. Es läuft, um die schützende Häuserreihe der Straße zu erreichen. Schüsse sind zu hören, mehrmals. Das Mädchen hat den Beginn der Straße und der Häuserreihe fast erreicht. Der Junge kommt nicht mit und die Frau wendet sich ihm zu. Nun verstummen die Schüsse und sie hätten weiterlaufen können. Aber da war die Frau schon niedergesunken, nur noch ein dunkler Körper, ausgestreckt als wolle er etwas erfassen. Es lagen jetzt auch der Kleine und der Mann ruhig an ihrer Seite, ja, auch das Mädchen entfernt von ihnen. Und abgeblendet wurde.

Wäre es unser Haus gewesen am Anfang der Häuserreihe, wohin sie vielleicht eilten, hätten sie uns erreicht, wir hätten die Tür weit aufgemacht. Wir hätten sie zu uns genommen und miteinander geredet. Was hätten wir geredet?

Doch wozu noch Worte? Es trifft uns der Tod der Anderen. Es ist der Vorbote unseres eigenen Todes.

Heute, am 10.Tag der Belagerung von Mariupol, sagte der Vize-Bürgermeister in einem Interview, das weltweit zu hören war: »Hätte ich hier vor fünf Tagen geredet oder auch noch vor sieben Tagen, hätte ich gesagt: die Bewohner von Mariupol wünschen, dass dieser Krieg bald zu Ende geht mit einem anständigen Frieden. Jetzt aber, am zehnten Tag, wünschen die Menschen hier nichts mehr, als nur irgendetwas zu essen. Sie hungern und frieren, sie sind eingeschlossen und können nicht flüchten und sie können sich nicht wehren. Sie suchen Schutz vor den Granaten, vor den Bombardierungen Tag und Nacht. Sie verbergen sich in den Kellern, in den U-Bahnschächten, sie vegetieren. Es ist unter null Grad, sie essen den Schnee, um den Durst zu löschen, und Kämpfe gibt es um das Wenige, was noch essbar ist. Immer gibt es Verbindungen, um mit der Außenwelt zu kommunizieren, aber das nützt nichts. Die Hilfsgüter, die angekündigt werden, kommen nicht an. Die Busse, die Menschen herausbringen sollen aus dieser sterbenden Stadt, kommen nicht an. Die Zufahrtswege, die oft versprochenen, stehen unter Beschuss. Was steht bevor? Werden wir eingeschlossen bleiben und langsam ausgehungert werden, wie die Bewohner in Leningrad während des zweiten Weltkrieges ausgehungert wurden? Oder wird unsere Stadt ausgelöscht vom Erdkreis verschwinden, flächendeckend bombardiert werden, so wie Grozny in Tschetschenien und Aleppo in Syrien oder Guernica im Baskenland ausgelöscht wurden?«

Was hilft es, wenn sie so zerstört im Gedächtnis bleiben?

Nie war eine Untat, ein unfassbares Geschehen im Krieg, entsetzlich genug, nie ein Drama, sei es der Zerstörung, der massenhaften Vertreibung und Tötung, gewaltig genug, so einmalig grauenhaft es auch gewesen war, um ein so nachhaltiges Erschrecken auszulösen, das uns befähigte den Krieg zu vermeiden. Nicht mal Hiroshima erlitt dafür genügend Leid.

Eben höre ich, in Czernowitz wird gekämpft. Es ist die Stadt aus der Paul Celan kam, der die Todesfuge schrieb. Ich erinnere mich: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland…« Und ich höre, dass in Babyn Jar durch eine Granate das Denkmal beschädigt wurde, das errichtet wurde zur Erinnerung an den Tod von mehr als 33.000 Menschen , die dort durch Deutsche ermordet wurden, in weniger als 48 Stunden alle einzeln erschossen.

Ich will es nicht hören, ich will es nicht schreiben.

Ein Krieg muss zum Frieden führen. Nun gab es zum ersten Mal ein Gespräch zwischen ukrainischen und russischen Vertretern der Regierungen. Sie trafen sich, ohne dass eine Seite der anderen einen Kompromiss anbot. So kann es nicht zum Frieden kommen. Der Krieg wird weitergehen, bis er gesättigt ist und nichts mehr vorfindet, was ihm wert wäre, noch zu zerstören. Eingeschlossen in Feuersbrunst und bombardiert werden wir sein, zerstört mit allem, was um uns war, den Häusern in denen wir lebten, den Straßen, auf denen wir gingen. Die Ruinen werden uns keinen Schutz bieten und wer einen anderen Menschen trifft, wird kein Wort mehr sagen.

Es ist kalt in Kiew, verödet die Stadt. Viele Menschen sind geflüchtet. Wir sahen tagelang die stockenden Kolonnen der Autos, die sich aus der Stadt bewegten. Die Menschen, die hierbleiben, bereiten sich auf die Belagerung der Stadt vor, auf die Kämpfe um die Stadt. Es ist ein angespannter Wartezustand und alles Tägliche muss getan werden, trotz der Sirenen, deren Ton warnt: Gleich könnte der Tod Euch treffen.

Doch da plötzlich, in der Kälte des Tages und in der Stille der Erwartung eines Angriffs, gibt es Musik, unüberhörbar Musik, die vielen Menschen vertraut ist. Auf dem Maidan, Platz der Unabhängigkeit, spielt das Nationale Symphonie-Orchester von Kiew die Ode an die Freude aus der 9. Symphonie von Beethoven! Sie stehen da in ihren Mänteln, Mützen auf dem Kopf, ganz unspektakulär. Sie stehen in einer langen Reihe vor dem Dirigenten und spielen, und hinter ihnen versammeln sich einige Menschen und hören zu. Und ich höre zu vor dem Fernseher in meiner warmen Stube und heule.

Viele Menschen flüchten nach Polen. Es sollen schon mehr als eine Million sein, und es werden täglich mehr, seitdem auch der Westen der Ukraine Kriegsgebiet wird. Ich sehe Bilder aus Polen. Knapp hinter der Grenze halten Busse und laden Menschen aus, die aus der Ukraine kommen. Ein junger Mann hat seine Mutter bis hierhin begleitet. Jetzt bleiben sie stehen. Sie stellt ihre zwei großen Taschen ab, in denen sie das Nötigste noch bei sich hat, um ihn zu umarmen. Sie umarmt ihn lange, sieht ihn dann an und versucht zu lächeln, denn nun muss er gehen. Er muss wieder in den Bus steigen, mit dem sie beide gerade ankamen. Der Bus wird ihn zurückbringen in den Krieg. Er darf nicht bei ihr bleiben, denn allen Männern zwischen 18 und 60 Jahren ist es verboten, zu flüchten. Sie werden gebraucht zur Verteidigung ihres Landes. Ganz kurz bevor er die zwei Stufen betritt, die in den Bus führen, dreht er sich noch einmal um und sieht seine Mutter an. Wir sehen sie nur von rückwärts, ihre gedrungene Gestalt, den schweren dunklen Mantel, die Kapuze, die den Kopf verbirgt. Und wir sehen sein Gesicht, so wie sie es nun sieht, vielleicht zum letzten Mal. Es ist ein schönes, ruhiges Gesicht, er ist einverstanden mit der Trennung, weil es sein muss. Es gibt etwas Größeres als unser Leben. Dann ist auch dieser Moment vorbei. Wir sehen, wie er einsteigt, seine Gestalt, etwas nach vorne geneigt – und schon wechselt das Bild zu einer anderen Szene.

Ich versuche, die Frau nochmal zu entdecken zwischen all den Menschen, die sich in der Nähe der Busse drängen, mit denen sie weiterfahren sollen. Sie müssen sich entscheiden, wohin es gehen soll. Einige haben Adressen dabei, haben Freunde, Verwandte, von denen sie erwartet werden. Andere sind unsicher, wohin sie sich wenden sollen. Fremd sind ihnen die Namen der Orte, wohin die Busse sie fahren können. Ich meine, zwischen all den Menschen die Frau zu entdecken, die sich eben von ihrem Sohn verabschiedet hat. Aber nein, sie ist es nicht. Die Frau sieht nur so ähnlich aus, von der ich nun einen Satz höre, den sie zu einem Reporter sagt. Sie sagt ihn flüsternd leise, so als müsste sie sich entschuldigen für die Einfachheit ihres Satzes, dessen sie sich in diesem Moment zum ersten Mal bewusst wird: »Wir wollen doch nur ganz normal leben wie zuvor.«

In einem Zug, der zur Abfahrt bereit stand, legte sich die Handfläche eines sehr kleinen Kindes mit gespreizten Fingern gegen die Fensterscheibe. Auf der anderen Seite, vom Bahnhof aus, legte sich die große Handfläche eines Mannes mit gespreizten Fingern auf die kleine Hand hinter dem Glas. Es ist gewiss, wir verlassen uns nicht. Wir bleiben beieinander, was auch immer geschieht. Dann fuhr der Zug aus dem Bahnhof.

Ich möchte eine weiße Fahne hissen. Ein Krieg muss zum Frieden führen. Denke an Willy Brandt, der als Präsident der Sozialistischen Internationalen immer wieder um Frieden warb. Die Völker müssen auch in der Konfrontation zueinander finden, sagte er, »nicht zum Konsens, aber zu der Einsicht, dass der jeweils andere nicht übergangen werden kann.«

Aus einem Hochhaus in Kiew, das von Granaten getroffen wurde, schreit aus der aufgerissen Fassade heraus ein wütender, im Gesicht blutender Mann: »Es gibt keine Worte mehr für das hier, verstehen Sie mich, es gibt keine Worte dafür.«

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