Precht und Flaßpöhler liefern die Philosophie, die wir verdienen
Hau den Precht. Das ist der neue deutsche Prügelsport. Blödsinn reden unter tiefgehängten Scheinwerfern? Das sorgt für Pulsrasen im Land der Dichtenden und Denkenden. Svenja Flaßpöhler, Richard David Precht & Co. scheint wahrhaft Erstaunliches zu gelingen. Im Alleingang ruinieren sie den Ruf der Philosophie, findet nun auch Margarete Stokowski. Demütigend sei das für die ganze Fachrichtung. Dabei ist es viel schlimmer. Wir selbst haben die Prechts und Flaßpöhlers gerufen. Wünschen uns starke Thesen statt Diskussion. Platte Sprüche statt anstrengender Debatten. Die meisten haben keinen Bock mehr auf Reflexion. Das ist das eigentliche Problem, findet SWR-Moderator und Dittrich-Autor Wilm Hüffer (Der Philosoph, 2021). Rechnen wir doch bitte nicht damit, Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler könnten uns in 40 Minuten die drängenden Fragen unserer Existenz beantworten. Das können sie nicht. Rätseln wir nicht länger über die angekränkelte Sensibilität und Gesprächsunfähigkeit der anderen. Beginnen wir endlich zu diskutieren.
Hau den Precht. Das ist der neue deutsche Prügelsport. Blödsinn reden unter tiefgehängten Scheinwerfern? Das sorgt für Pulsrasen im Land der Dichtenden und Denkenden. Svenja Flaßpöhler, Richard David Precht & Co. scheint wahrhaft Erstaunliches zu gelingen. Im Alleingang ruinieren sie den Ruf der Philosophie, findet nun auch Margarete Stokowski. Demütigend sei das für die ganze Fachrichtung. Dabei ist es viel schlimmer. Wir selbst haben die Prechts und Flaßpöhlers gerufen. Wünschen uns starke Thesen statt Diskussion. Platte Sprüche statt anstrengender Debatten. Die meisten haben keinen Bock mehr auf Reflexion. Das ist das eigentliche Problem.
Na, schon mal mit echten Philosoph*innen abends beim Bier gesessen? Zwei Stunden darüber diskutiert, wann ein Satz ein Satz ist? Oder eine Bedeutung eine Bedeutung? Ob etwas sinnvoll ist oder in welchem Sinnfeld es sich befindet? Klingt nervtötend, oder? Und gleich so viele Fragen auf einmal. Dann doch lieber in die Buchhandlung und schnell ein Bändchen »Schopenhauer für Manager« aus dem Regal gezogen. Warum auch nicht? Philosophische Diskussionen sind oft zum Weglaufen. Schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein diskutierte bekanntlich die Frage, ob der nahegelegene Baum ein Baum sei. Man sei nicht verrückt, erklärte er jemandem, der zufällig vorbeikam. »Wir philosophieren nur.«
Na, dann macht mal, denkt man sich – und sucht möglichst schnell das Weite. Es sei denn, der flatternde Mantel der Weltweisheit lässt sich mühelos erhaschen. Zumal wenn man von Richard David Precht aus sensitiv geweiteten Augen angestarrt wird und bedeutsam hervorgeknarzte Sätze vernimmt, die auf das große Ganze verweisen. »Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der…« heißt es dann. Oder: »Die Philosophiegeschichte besteht, mit wenigen Ausnahmen, darin, dass …« Und schließlich: »Man ist jetzt in einer ganz anderen Zeit…« Das Verlockende an solch großformatigen Zustandsbeschreibungen: Es scheint nur eine aufmerksamkeitsspanne von weiteren zehn bis 15 Sekunden erforderlich, um in komprimierter Form den Weltgeist in sich hineinsaugen zu können. Darum also geht es in der Philosophie? Ist doch gar nicht so schwer zu kapieren.
Philosophie ist das nicht. Eher Philosophie-Posing. Allerdings mit einem desaströsen Ergebnis. Denn die Fernsehphrasen-Maschine macht alles platt, worum es in der Philosophie geht: Argumente, Zweifel – und vor allem: Widerspruch. Ist ja nett, wenn sich Svenja Flaßpöhler und Richard David Precht bedeutungsschwer zunicken und verbale Plüschbällchen zuwerfen. Doch wo bleibt der philosophische Streit im Halbdunkel der Studioharmonie?
Wie war doch gleich das Thema? Ach ja, richtig: Ob wir zu eingeschnappt sind, um noch zu diskutieren. Zu sensibel, um verbal aufeinander loszugehen, zu tief abgetaucht in die politischen Schützengräben links und rechts. Eigentlich ganz interessant, denkt man. Doch die Ironie der Geschichte ist nicht zu übersehen. Da lamentieren zwei über eine diskursunfähige Gesellschaft – und geben ungewollt selbst ein Beispiel für das Problem, das sie identifiziert haben. An die Stelle der Diskussion setzen sie den Stromkreis selbstrefenzieller Zufriedenheit: sich gegenseitig zu bestätigen, wie recht man doch hat.
Nein, es macht keinen Spaß, dabei zuzusehen. Doch neben Fremdscham wäre auch ein schlechtes Gewissen nicht unangebracht. Denn die Thesenklopperei der Gegenwart ist keine Erfindung böswilliger Philosophie-Verhunzer. Sie folgt der Logik des Internets – und damit unserem eigenen Nutzungsverhalten. Wer zwei Stunden lang daran herumdrechselt, was ein Satz, eine Bedeutung oder ein Sinnfeld ist, dringt nun einmal nicht mehr durch. Philosophischer Dauerstreit geht nicht viral. Was ist deine Message? Bring sie bitte rüber, zack zack.
Svenja Flaßpöhler und Richard David Precht haben sich das nicht ausgedacht. Und es wäre nicht fair zu behaupten, dass sich im Dampfplaudern unter der OP-Lampe ihre Kompetenzen erschöpfen würden. Sie haben das Prinzip lediglich besser begriffen als andere. Und liefern am Ende, was wir selbst gerne bekommen möchten: keine Philosophie, sondern eilige Häppchen für Bescheidwisser, die auch mal mit einem Zitätchen glänzen möchten.
Kein Wunder daher, dass Schlauköpfe der akademischen Zunft das kalte Thesen-Sushi längst für sich entdeckt haben. Denkern wie Markus Gabriel fehlt dabei keineswegs der fachliche Horizont – entgegen allem böswilligen Geraune. Doch die Bereitschaft, dem schnellen Applaus das philosophische Argument zu opfern, kann mitunter verstörend wirken. Wie sagte der Bonner Philosoph vor einem Jahr der »Neuen Zürcher Zeitung«? »Wir befinden uns gerade in Zürich, während wir hier reden. Dieser Satz ist wahr. Wir könnten nun der falschen Meinung sein, wir seien nicht in Zürich, dann sitzen wir einem Irrtum auf.« Kawumm. Zürich ist Zürich. Wahr ist wahr. Hier ist hier, und dort ist dort. Grobi aus der Sesamstraße lässt grüßen. Offenbar brauchen wir gar keine Philosophie, keine Diskussion über Konsense und Wahrheitskriterien. Es genügt, auf den gesunden Menschenverstand von Markus Gabriel zu vertrauen.
Viel Mut braucht man nicht für die Prognose, dass die akademische Philosophie mit solch rhetorischer Tieffliegerei ihre Selbstabschaffung betreibt. Denn wozu noch philosophieren, wenn alles so beschämend einfach ist? Es wäre, vorsichtig formuliert, vorausschauend, das Publikum nicht länger mit derlei dämlichen Versprechungen zu ködern. Und auch wir selbst sollten schleunigst aus den schnellgestrickten Fangnetzen schlüpfen. Rechnen wir doch bitte nicht damit, Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler könnten uns in 40 Minuten die drängenden Fragen unserer Existenz beantworten. Das können sie nicht. Und eigentlich wissen wir auch, dass sie es nicht können. Gehen wir lieber zurück auf Los, dorthin, wo alles angefangen hat. Begleiten wir Sokrates in die Schule der Athener Sophisten. Schon ihm ist vordergründiges Geschwätz gehörig auf die Nerven gefallen. Den größten Schwätzer seiner Zeit, den Sophisten Protagoras, hat er irgendwann unterbrochen mit den Worten: »Ich bin ein sehr vergesslicher Mensch. Und wenn jemand so lange spricht, vergesse ich ganz, wovon eigentlich die Rede ist.«
Es folgen bekanntlich ein paar Stunden Kreuzverhör, bis Sokrates seinen Widerpart in alle Einzelteile zerlegt hat. Und keine dieser Sequenzen hat das Zeug zum Klick-Hit. Dennoch lohnt es, dabei zu sein. Denn hier beginnt echte Philosophie. Rätseln wir nicht länger über die angekränkelte Sensibilität und Gesprächsunfähigkeit der anderen. Beginnen wir endlich zu diskutieren.
Wilm Hüffer hat über Hegel eine (schrecklich) lange Doktorarbeit geschrieben und ist Verfasser des satirischen Romans »Der Philosoph«, über Philosophenkönige und Fernsehphilosophen, erschienen im Dittrich-Verlag, 22 Euro. ISBN 9783947373635
